Benediktinerkloster Einsiedeln (CH)

P. Alois Kurmann

Als ich noch nicht in die Schule ging, fragte mich der Pfarrhelfer unserer Pfarrei: „Was möchtest Du einst werden?“ Ich sagte. „Das, was Du bist!“ Eine typische Situation des katholischen Milieus anfangs der Fünfziger Jahre des vorigen Jahrhunderts: Priester sprachen Buben an, von denen sie hofften, dass diese einmal Priester werden. Ähnlich ging es weiter. Dieser Pfarrhelfer war auch Präsident der Schulpflege. Als ich in der 5. Klasse der Primarschule war, sagte er mir bei einem Schulbesuch: „Du musst in die Mittelschule“. Das war das Progymnasium. Da wir weit von der Mittelschule weg wohnten, konnte ich bei diesem Pfarrhelfer zu Mittag essen. Mitte der vierten Klasse fragte er: „Wo willst Du ins Gymnasium gehen und Matura machen?“ Da ich sagte: „Ich weiss nicht“, sagte er: „Ich melde Dich ich in der Stiftsschule Einsiedel an“. So kam ich 1964 an die Stiftsschule in die 5. Klasse und machte 1964 Matura. In der Mitte der 7. Klasse sagte ich meinen Eltern, dass ich nach der Matura ins Kloster eintreten wolle. Meine Mutter freute sich, mein Vater war schockiert: „Du verlierst Deine Freiheit.“ Priester werden, ja, das war gut, denn meine Eltern waren tief religiös. Aber „Kloster“, das widersprach der tiefsten Überzeugung meines Vaters, für den „Freiheit“ das Grösste war, das er gegen alle Widerstände lebte.

Aber ich setzte mich durch, trat am 29. August 1964 ins Kloster Einsiedeln ein, und erfuhr bald, was mein Vater gespürt hatte! Das Jahr des Noviziates war eine Qual, voll Kleinlichkeit, Leerlauf, intellektueller Kleinkrämerei. Die Befreiung kam zwei Jahre später, als ich zum Studium der Theologie nach San Anselmo in Rom gehen konnte. Geplant war, dass ich zuerst Theologie und nachher Exegese des neuen Testamentes studieren würde, um nachher an unsrer Hauseigenen theologischen Schule zu unterrichten. Das Studium der Theologie unmittelbar nach dem 2. Vatikanischen Konzil und der Bibelwissenschaft am Biblicum waren die grosse Weite, die ich gesucht und ersehnt hatte.

Als ich nach dem Lizenziat am Bibelinstitut mit Professor Vanhoye ein Thema für eine Dissertation abgemacht hatte, sagte Abt Georg, dass wir die Theologische Schule wegen Mangel an Studenten aufgeben werden. Darum solle ich Romanistik und Anglistik studieren, um später an der Stiftsschule zu unterrichten. Da ich im ersten Semester in Fribourg spürte, dass ich das nicht konnte und wollte, verfiel ich in eine tiefe Depression, bat, dieses Studium nicht machen zu müssen und unterrichtete probeweise 4 Jahre am Gymnasium Griechisch, Latein, Französisch, Deutsch und Religion. Als ich dem Abt sagte, dass ich mir vorstellen könne, Gymnasiallehrer zu sein, konnte ich in Zürich Klassische Philologie studieren. Die anschliessenden 25 Jahre als Lehrer, Internatsleiter und Prorektor waren eine glückliche Zeit und die Jahre nach der Pensionierung bis heute sind es ebenfalls.

Das Erbe meines Vaters, die Freiheit der Lebensgestaltung und die Weite des religiösen Lebens sind bis heute meine Lebenskraft, schenken mir tiefe Freundschaften mit offenen, modern aufgeklärten Menschen, und erfüllt mich mit tiefster Dankbarkeit.